Berlin wird sicherer, sauberer und leiser – Interview mit Christiane Heiß

Dieser Beitrag ist Teil des Stichels Nr. 237 zum Thema Radverkehr. Alle weiteren Artikel findet ihr hier.

Christiane Heiß ist seit 2016 Bezirksstadträtin für die Abteilung Bürgerdienste, Ordnungsamt, Straßen- und Grünflächenamt im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg. Als GRÜNE Stadträtin setzt sie sich dort für die Verkehrswende im Bezirk ein. Mit Sarah Ribbert, Sprecherin der AG Radverkehr im Kreisverband B’90/GRÜNE Tempelhof-Schöneberg, sprach sie im Interview über das Radfahren in Berlin, die Zusammenarbeit mit Initiativen und Zivilgesellschaft – und die Frage, was sich vor allem in der Verwaltung ändern muss.

Du bist selber viel mit dem Fahrrad unterwegs. Was bedeutet Radfahren für dich?

Mit dem Rad bin ich schnell und pünktlich. Außerdem lerne ich den Bezirk mit dem Rad gut kennen.

Was liegt dir derzeit am meisten am Herzen beim Mobilitätsthema?

Mein Ansatz ist, dass wir die Ressourcen der Verwaltung verbessern und die Verkehrswende in der Fläche wirksam wird. Der Neubau im Radverkehr braucht viel Zeit, Geld und Personal.  Für mich ist außerdem die Parkraumbewirtschaftung ein zentraler Hebel für die Verkehrswende. 

Was sieht du derzeit als die größte Herausforderung im Radverkehr in Tempelhof Schöneberg?

Die größten Aufgaben liegen im sogenannten Change-Management. Das Mobilitätsgesetz zwingt die Verwaltung zu tiefgreifenden Reformen. Das ist nicht banal, sondern stellt die Machtfrage. Nicht nur die Fachverwaltung muss Routinen ändern, auch muss den Bezirken mit Steuerung durch Geld mehr Eigenverantwortung gegeben werden.

Wir haben mit der der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (SenUVK) den Planungsprozess allgemein durchgespielt. Das hat gezeigt, dass Berlin ca. 3,5-4 Jahre braucht, um eine geschützte Radverkehrsanlage zu planen. Dabei gibt es Flaschenhälse, wie Bauprojekte der BVG oder der Wasserbetriebe, die Jahre kosten können. Auch viele interne Schleifen kosten viel Arbeitszeit der Beteiligten. Diese Struktur passt nicht mit dem Leistungsversprechen des Mobilitätsgesetzes zusammen. Hier das IST und das SOLL anzunähern, ist notwendig, aber in der politischen Debatte nicht anerkannt.

Das Fahrrad nutzen sehr unterschiedliche Alters- und Personengruppen. Welche Herausforderungen gehen damit einher und wie kann man sie berücksichtigen?

In Berlin ist Radfahren wie Schwimmen: Kinder lernen es in der Schule. 850 von 1000 Berliner*innen haben ein Fahrrad, aber viele trauen sich nicht im Alltag, sind ungeübt und bräuchten einen Anreiz, um das Fahrrad zu nutzen. Hier sind nicht nur bessere Radwege, sondern auch Angebote wünschenswert, die Fahren üben, Routen zeigen und den Alltag mit dem Rad spielerisch erobern. Dafür gibt es derzeit nur ehrenamtliche Angebote. Das ist zu wenig, deshalb haben wir das Projekt KiezErfahren gestartet, welches vier Wochen Leben ohne Auto unterstützt. Weitere Informationen dazu gibt es unter: http://kiezerfahren.de/

Kannst du nachvollziehen, dass Eltern sich zum Teil um die Schulwegsicherheit ihrer Kinder sorgen?

Ja, auch ich habe zwei Kinder in die Selbständigkeit begleitet. Da ist Angst dein ständiger Begleiter. Dennoch unterstütze ich, dass Kinder Radfahren im Straßenverkehr auf geschützten Spuren üben und sehe die Schulbauoffensive als große Chance für eine systematische Überprüfung der Schulwegsicherheit. Das Land Berlin muss wie jeder private Bauherr die begleitenden Verkehrsuntersuchungen durchführen und die Wege dann entsprechend anpassen.

Dein Arbeitsplatz liegt direkt am Tempelhofer Damm, wo mit dem Verkehrsversuch das größte Radverkehrsprojekt im Bezirk liegt. Wie läuft ein solcher Planungsprozess ab?

Der Planungsprozess für den T-Damm umfasst vier vernetzte Projekte: die geschützte Radspur, die Bürgerbeteiligung, die Parkraumbewirtschaftung und ein Lieferkonzept mit Lastenrädern. Der Prozess muss insgesamt gut koordiniert werden, verläuft aber bislang reibungslos.

Welche Rolle spielte die Zusammenarbeit mit den Initiativen und der Zivilgesellschaft bei dem Tempelhofer Damm?

Der Verkehrsversuch Tempelhofer Damm setzt einen BVV-Beschluss um, der auf einem Einwohnerantrag basiert. Dafür haben die Radverkehrsverbände die Öffentlichkeit mobilisiert. Aus diesem Beteiligungsprozess ist eine Leitliniengruppe entstanden, die die Ansprüche an die Straße von Senior*innen bis zu den Unternehmen vertritt und an seiner Umsetzung mitarbeitet. Der T-Damm ist 2020 das wichtigste Radverkehrsprojekt im Bezirk.

Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Maßnahmen für eine Verbesserung der Radverkehrssituation?

  1. Verwaltungsreform: Wir brauchen schlankere Prozesse bei der Planung und mehr Eigenverantwortung der Bezirke.
  2. Ein Ende des Personalkannibalismus zwischen Senat und Bezirken. Ziel muss ein, die Konkurrenz zu beenden und die Bezirke zu unterstützen.
  3. Bessere Technik: Digitalisierung und leistungsfähige PC.

Welche Radverkehrsprojekte möchtest du dieses Jahr noch auf die Straße bringen im Bezirk?

Wir haben mit der Senatsverwaltung vereinbart, dass in 2020 drei Straßenabschnitte an Hauptverkehrsstraßen umgesetzt werden: Tempelhofer Damm, Kolonnenstraße und Boelckestraße. Darüber hinaus haben wir 32 Radverkehrsprojekte in der Planung bei denen wir uns noch mit der SenUVK auf eine Vorrangliste einigen müssen. Mein Wunschprojekt bei diesen ist die Rampe am Priesterweg. Das ist ein schlimmes Nadelöhr.

Wenn du Tempelhof-Schöneberg von heute auf morgen umbauen könntest, wie sähen dann die Straßen aus?

Der Verkehr wäre leise, die Luft sauber und das Miteinander angstfrei. Fahrzeuge stehen nur in Parkhäusern und -zonen. Straßenbäume beschirmen uns und die Gehsteige gehören dem Fußverkehr.

Das Interview führte Sarah Ribbert, Sprecherin der AG Radverkehr, B’90/GRÜNE Kreisverband Tempelhof-Schöneberg.

Dieser Beitrag ist Teil des Stichels Nr. 237 zum Thema Radverkehr. Alle weiteren Artikel findet ihr hier.