Würdigung einer selbstbewussten Schönebergerin

Bündnis 90/Die Grünen Tempelhof-Schöneberg

Wer künftig mittwochs oder samstags auf dem Crellemarkt einkauft, wird an Lucie Leydicke erinnert: Die selbstbewusste Gastwirtin gab Schöneberg über Jahrzehnte einen festen Treffpunkt für ein breites Publikum. 46 Jahre nach ihrem Tod wurde nun der Platz zwischen Crelle- und Neuer Kulmer Straße, auf dem der Wochenmarkt stattfindet, nach ihr benannt. Die offizielle Enthüllung des Namensschildes feierten mehr Besucher*innen als gewöhnlich, darunter Stammgäste aus dem „Leydicke“ in der Mansteinstraße und Menschen, die Lucie Leydicke noch persönlich gekannt hatten.

Eben noch Crellemarkt – jetzt Lucie-Leydicke-Platz
Wie viele Straßen oder Plätze, die nach Frauen benannt sind, kannst Du spontan nennen? Gar nicht so einfach? Das ist kein Wunder: Nur vier Prozent der Straßen oder Plätze in Tempelhof-Schöneberg tragen Frauennamen. Mit der Würdigung für Lucie Leydicke im Frauenmärz wurde deshalb auch ein Zeichen für mehr Sichtbarkeit von Frauen im Bezirk gesetzt. Bezirksstadträtin Saskia Ellenbeck (Bündnis 90/Die Grünen): „Der Bezirk würdigt eine außergewöhnliche Persönlichkeit des Berliner Alltagslebens und ehrt zugleich das Wirken einer Frau, die über Jahrzehnte hinweg den Kiez maßgeblich geprägt hat.“

Wer war Lucie Leydicke?
Sie gilt als Legende, vielleicht sogar als Paradebeispiel eines „Berliner Originals“. Lucie Leydicke wurde 1897 geboren und heiratete Anfang des Jahrhunderts in eine Schöneberger Unternehmerfamilie. Als Chefin der familieneigenen Likörfabrik machte sie das 1877 gegründete Lokal in den 1960er Jahren über den Kiez hinaus bekannt. So bekannt, dass nach ihrem Tod 1980 selbst die ZEIT einen Nachruf auf die „die fuchtelige Verkörperung des Berliner Mutterwitzes“ veröffentlichte. Ein Schauspieler trug bei der Umbenennung aus dem Text von Dieter Hildebrandt vor. Dieser schrieb unter anderem: Sie war „die Beherrscherin einer linken Lässigkeitskneipe, wo man sich am Tresen seine Flasche Wein abholte, die man im Sommer auch draußen auf dem Bürger- oder Genossensteig trinken konnte.“ Und weiter: Zwar „paßte [sie] auf uns alle auf, jahrzehntelang“, doch habe „[k]eine unserer Feministinnen die Männer so das Fürchten gelehrt wie die Eiserne Lucie“, deren „Lebenselexier“ „Rede und Gegenrede“ gewesen sei.

Ihr Lokal, mittlerweile seit fast 150 Jahren Treffpunkt nahe der Roten Insel, liegt nur ein paar Gehminuten vom neuen Lucie-Leydicke-Platz entfernt und sieht noch fast genauso aus wie zu Lucies Zeiten. Inzwischen steht ihr Enkel, Raimon Marquardt, hinter dem dunklen Holztresen und führt die Familientradition fort: Man findet im „Leydicke“ noch immer die hauseigenen Liköre und Fruchtweine, die schon ihre berühmte Gastgeberin der Nachbarschaft servierte.