Für‘s Klima durch den Kiez – Interview mit Özcan Mutlu

Während der letzten Monate nahmen viele Mitglieder aus unserem Bezirk digital vernetzt an den Läufen der „Green Runners“ teil –  für Gesundheit und Klima. Im Bundestagswahlkampf 2013 gründete Özcan Mutlu die Laufgruppe, die sonntags mittlerweile bundesweit unterwegs ist. Mit Magnus Raab, Mitglied im Kreisverband B’90/GRÜNE Tempelhof-Schöneberg, sprach er im Interview über die Entstehung der Gruppe, Baumpflanzungen im Senegal – und die Bedeutung des Sports für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Lieber Özcan, vor rund sieben Jahren hat sich auf deine Initiative hin die Laufgruppe „Green Runners“ in Berlin gegründet. Das Motto lautet „Laufen für die Gesundheit, Umwelt und Klima“. Wie ist es zu der Idee gekommen?

Im Jahr 2013 stand damals vor allem der Wahlkampf im Fokus, ich war ja Kandidat für den Bezirk Berlin-Mitte und wollte zeigen, dass wir GRÜNE nicht nur in Kreuzberg Wahlkreise direkt gewinnen können. Da lag die Idee eines gemeinsamen Laufs durch den Berliner Tiergarten zunächst nahe. Und mein Wahlkampfteam und ich hatten natürlich auch ein Vorbild: Joschka Fischer, der in seinen Ministerzeiten bereits mit seinen regelmäßigen Läufen dort für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Wir dachten: Es wäre doch eine gute Idee, gemeinsam mit anderen Kandidat*innen aus den Berliner Bezirken zu joggen und Menschen einzuladen, mit uns mitzulaufen – als offene Gruppe. Sprich: Wer Lust hat, kann etwas für die Gesundheit tun und dabei über GRÜNE Politik ins Gespräch kommen. Später wurde aus der Gruppe „Mutlu rennt“ dann die Laufgruppe „Green Runners“. So haben wir uns jeden Sonntag bei Wind und Wetter getroffen, gemeinsam Sport gemacht und es sind Freundschaften entstanden. Dann haben wir angefangen, auch die sozialen Medien zu nutzen und unsere Läufe publik zu machen.

Seit einiger Zeit werben die „Green Runners“ über die sozialen Medien dafür, an den Läufen teilzunehmen und damit etwas Gutes für Umwelt und Klima zu tun. Wie funktioniert das?

Natürlich wollten wir mit der Laufgruppe auch etwas bewirken, also ganz real. Wir haben dann von einem Berliner Startup erfahren, das mit der NGO „Trees for the Future“ zusammenarbeitet und das eine App entwickelt hat, dank der für eine bestimmte Anzahl zurückgelegter Kilometer Bäume in Afrika gepflanzt werden. Die Idee fanden wir so toll, dass wir gesagt haben: Da machen wir mit. Und wer möchte, kann auf freiwilliger Basis noch zehn Cent pro Kilometer beisteuern, so dass für jeden einzelnen Kilometer dann auch ein Baum gepflanzt wird. Das sind Setzlinge, die derzeit vor allem im Senegal in den Boden gesetzt werden. Mittlerweile ist ein richtig schöner Wald daraus geworden. Auf diese Weise haben wir nun schon etliche tausend Bäume gespendet.

Die „Green Runners“ nehmen regelmäßig an Kampagnen teil und solidarisieren sich – etwa mit #LeaveNoOneBehind oder auch zuletzt im Rahmen der Black-Live-Matters-Kampagne. Welche politischen Ziele verfolgt die Laufgruppe? 

Wir heißen natürlich nicht umsonst „Green Runners“ – wir sind GRÜNE, also spielt immer auch Politik eine Rolle. Wir widmen uns bei unseren Läufen ganz unterschiedlichen Themen. Als beispielsweise Erik Marquardt, unser GRÜNER Europaabgeordneter, in dem Flüchtlingslager Moria auf Lesbos war, haben wir uns dazu entschieden, einen Soli-Lauf für die Geflüchteten zu organisieren. Im Rahmen von #LeaveNoOneBehind haben wir in der ganzen Republik Läufe veranstaltet und damit fünftausend Euro zusammengesammelt: Geld, das für die Organisationen vor Ort eine große Hilfe darstellt. Und die Aktion hat großen Wiederhall gefunden: Robert Habeck ist mitgelaufen, Katrin Göring-Eckart. Sie beide und viele MdB wie Britta Haßelmann, Ekin Deligöz laufen seither regelmäßig mit. Im Mai haben wir im Rahmen von IDAHOBIT mit einem Lauf für die Rechte von LGBTTIQ* ein Zeichen gesetzt. Und nach dem Mord an George Floyd haben wir uns mit Black Lives Matters soldarisiert, sind mit 65 Läufer*innen in der ganzen Republik unterwegs gewesen und haben versucht, mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu gewinnen. Mit Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft haben wir zuletzt ein Zeichen für ein grüneres, sozialeres und nachhaltigeres Europa gesetzt.

Im neuen Entwurf zum GRÜNEN Grundsatzprogramm heißt es: „Sport verbindet. Alte und Junge, Menschen verschiedener Herkunft, mit verschiedenen Erfahrungen. […] Im Sport können die Werte einer offenen und solidarischen Gesellschaft vermittelt werden.“ Welche Relevanz hat der Sport für dich in Zeiten von Corona?

Während meiner Zeit als MdB im Bundestag war ich zuständig für Bildungs- und Sportpolitik in der GRÜNEN Bundestagsfraktion – das sind meines Erachtens genau die Bereiche in der Gesellschaft, die einen großen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten können. Das zeigt sich beispielsweise beim Teamsport: Es ist egal, woher du kommst, welcher Religion du angehörst. Wichtig ist, dass man als Team funktioniert. Sport ist insofern auch ein wichtiges Instrument für Inklusion und für Integration. Als die Zahl der Geflüchteten 2015 ihren Höhepunkt erreicht hatte, haben sich viele Sportvereine geöffnet und gezeigt, dass man diese Menschen über den Sport schnell in die Gesellschaft integrieren kann. Im Sport wächst Gesellschaft zusammen. Natürlich gibt es auch Probleme und Herausforderungen: Wir wissen etwa, dass Sport gerade im globalen Kontext oft auch mit Gigantomanie und Korruption zu tun hat. Auf der anderen Seite ergibt sich daraus für uns auch die Chance, der Welt zu zeigen, wie demokratische Teilhabe im Sport funktionieren und Nachhaltigkeit, etwa beim Bau von Sportstätten beachtet werden kann. Ich freue mich, dass viel davon im Entwurf zum Grundsatzprogramm auch so benannt ist. Klar ist für mich aber auch, dass der Sport einen Politikbereich darstellt, den wir nicht vernachlässigen dürfen. Wenn wir als „Green Runners“ durch unsere Läufe dazu beitragen können, mehr Menschen zu erreichen – für Sport, Umwelt, Gesundheit und die GRÜNEN – dann bin ich glücklich.

Die Corona-Pandemie hat unser gesellschaftliches Leben ziemlich durcheinandergeworfen. Die „Green Runners“ bildeten da keine Ausnahme: Laufen in der Gruppe, das ging nicht mehr. Wie ging es dann weiter?

Als die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie kamen, haben wir gesagt: Wir verlagern das Ganze ins Netz. Jede*r läuft für sich individuell, wo er oder sie Lust hat – und wir vernetzten uns dann virtuell über die sozialen Medien. Und plötzlich waren wir nicht mehr nur eine Berliner Laufgruppe. Mittlerweile gibt es uns „Green Runners“ als Ortsgruppen in Braunschweig, Gießen, Köln und Bielefeld. Gerade entsteht sogar eine Gruppe in Brüssel. Und jede*r weiß: Wir stehen für GRÜNE Werte. Gleichzeitig muss man nicht Parteimitglied sein, um mitzumachen. Es gibt beispielsweise in NRW eine Läuferin, die Staatssekretärin der CDU ist und oft mit uns mitläuft. Und es gibt auch SPD-Abgeordnete, die hin und wieder mit dabei sind. Mit der Corona-Pandemie sind wir insofern stark gewachsen, in Berlin treffen wir uns aber mittlerweile auch wieder physisch, mit Abstand und in Kleingruppen, vor dem Flaggenmast am Bundestag.

2021 ist Wahljahr in Berlin – nicht nur auf Bundes- und Landesebene, auch in den Bezirken stehen Wahlen an. Können wir GRÜNE in Tempelhof-Schöneberg denn erwarten, dass wir dich und die Green Runners dann auch im Volkspark oder auf dem Tempelhofer Feld sehen werden? 

Auf jeden Fall. Schon 2016, als Wahlen zum Abgeordnetenhaus und den Bezirksverordnetenversammlungen in Berlin waren, haben wir sogenannte Wahlkreisläufe organisiert. Jede*r Wahlkreiskandidat*in und jeder Bezirksverband konnte auf uns zugehen und wir haben dann gemeinsame Läufe in den Bezirken vor Ort veranstaltet. Damals haben wir zum Beispiel in Tempelhof-Schöneberg Läufe zusammen mit Catherina Pieroth organisiert und sind dann im Volkspark Schöneberg gelaufen – aber natürlich auch mit anderen Kandidat*innen im Humboldthain, in Spandau, Steglitz-Zehlendorf, in Pankow und anderen Kiezen. Das Schöne dabei: Wir haben grüne Outfits an. Wenn wir im Wahlkampf unterwegs sind, sind wir deshalb schnell sichtbar. Die Leute sehen uns auf der Straße, sprechen uns an, erkennen uns. Das macht immer wieder richtig Spaß, auch um mit Menschen zwischendurch kurz ins Gespräch zu kommen. Diese Wahlkreisläufe wollen wir auch 2021 wieder anbieten und fortführen – natürlich auch in Mitte, denn ich möchte zur Bundestagswahl gern auch selbst wieder als Wahlkreiskandidat antreten.

Wie kann ich als Interessierte*r mitmachen?

Hier in Berlin treffen wir uns als „Green Runners“ jeden Sonntag um 10:00 Uhr am Flaggenmast vor dem Reichstagsgebäude. Ein grünes Outfit ist kein Muss, jede*r kann sich anziehen, wie er oder sie möchte. Und: Wer Interesse hat, kann sich vorher auch auf unseren Social-Media-Kanälen, wie auf Twitter und Facebook, informieren, unter welchem Motto wir am jeweiligen Sonntag wieder unterwegs sind.

Das Interview führte Magnus Raab, Mitglied im Kreisverband Tempelhof-Schöneberg von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

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